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Alphörner statt Hellebarden

Rund 400 Alphornbläser aus der Schweiz spielten am Samstag vor dem Mailänder Dom, so viele wie noch nie zuvor im Ausland.

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Schweizer Klänge im Süden: Alphornbläser bei ihrem rekordverdächtigen Auftritt vor dem Mailänder Dom, den auch Bundesrat Ueli Maurer mitverfolgte. Foto: Keystone

Der mächtige Mailänder Dom gibt den 400 Alphornblasenden, die sich im späten Nachmittagslicht des Samstags davor aufgestellt haben, etwas Erhabenes. Einige Tausend Leute warten auf die Klangwolke aus den Schweizer Alpen. Mit nur sieben Minuten Verspätung – und fast vorbildlicher italienischer Pünktlichkeit – erschallt «San Gottardo» aus Gioacchino Rossinis Oper «Wilhelm Tell» und der legendäre Dreiklang, der zum Markenzeichen der gelben Post­autos geworden ist.

Polizeisirene und Guinnessbuch

Doch der Klangwolke fehlt es auf dem weiten Platz an der Kraft der Berge. Unterhalb des VIP-Balkons versucht sich ein Strassenmusikduo unverzagt gegen die Alphörner durchzusetzen. Männer leeren die umstehenden Abfallkübel, als wäre alles wie immer. Und dann ertönt auch noch eine Polizeisirene. Mailand lebt und pulsiert wie immer rund um die Schweizer Alphornisten. Dabei ist das, was da gerade auf der Piazza della Madonnina passiert, rekordverdächtig.

Urs Holdener (37), Leiter der Alphorngruppe Horgen und Mitglied des Orga­nisationskomitees: «Wahrscheinlich schafft es kein anderes Land, an einem Tag mit öffentlichen Verkehrsmitteln aus allen Landesteilen Leute einzusammeln, ins Ausland zu befördern, dort zwei Konzerte mit so vielen Musikanten zu bestreiten und gleichentags alle Teilnehmer wieder nach Hause zu bringen.» Tatsächlich gelang es den Bläsern, sich einen Eintrag im «Guinnessbuch der Rekorde» zu sichern, doch das sei eigentlich «nebensächlich» und vermutlich nicht mal allen Teilnehmern bekannt gewesen. Mit von der Partie waren auch Alphornbläser aus dem Kanton ­Zürich (TA vom Donnerstag).

Zur Eroberung der norditalienischen Metropole nahmen die Alphornbläser zehn Fahnenschwinger, ebenso viele Tambouren und acht entwaffnete Hellebardiere mit. Die alten Waffen mussten ennet der Grenze bleiben, schliesslich war man 500 Jahre nach der Schlacht von Marignano in friedlicher Mission in die Lombardei gereist, und der Anlass stand unter dem Motto «Alphörner statt Hellebarden». Die Expo Milano 2015 soll der Schweiz als Plattform dienen, um Italien und die Welt auf «drei bedeutende Leistungen der Schweiz» aufmerksam machen, sagt Hans Peter Danuser, Kommunikationschef im Organisationskomitee des Eidgenössischen Jodlerverbandes: 500 Jahre Neutralität (Marignano 1515), 200 Jahre Frieden und Unabhängigkeit (Wiener Kongress 1815) und die nächstes Jahr stattfindende Eröffnung des Gotthard-Basistunnels, des längsten Eisenbahntunnels der Welt.

«Klang mit Gänsehautfaktor»

In einer Zeit, in der die Schweiz an vielen Fronten unter Beschuss geraten sei – Masseneinwanderung, Steuerflucht, Rohstoffhandel, Fifa – soll sie auch auf ihre positiven Eigenschaften hinweisen, so Danuser. Das Alphorn als Schweizer Nationalinstrument eigne sich seiner Einzigartigkeit und Symbolstärke wegen perfekt für die Auftritte in Mailand. Vorab hatten die Bläser vor dem Schweizer Expo-Pavillon gespielt. «Gleichzeitig kann die Schweiz auch wichtige Kernkompetenzen demonstrieren», sagt Danuser. «Qualität, Verlässlichkeit, Tradition, Innovation, Natur und Kultur».

Alle hatten sich mit Trachten geschmückt, auch der angereiste Bundesrat Ueli Maurer (SVP), der den Anlass mit einer kurzen Rede eröffnete. Auf dem VIP-Balkon waren nur die Schlussworte «Vive la Suisse!» zu hören, den Rest überdeckten die Strassenmusikanten. Aufmerksam lauschte der Magistrat danach den Alphornklängen, klatschte begeistert und freute sich «über das eindrückliche Bild auf dem Mailänder Domplatz». Das Konzert unterstreiche die guten Beziehungen zu Italien und den Wert der Traditionen. «Ein einmaliger, wirklich schöner Klang mit Gänsehautfaktor.»

Die Organisation des Konzerts vor dem Dom war ein schwieriges logistisches Unterfangen. Die Planung dauerte ein Jahr und beschäftigte zahlreiche Leute. Aus der ganzen Schweiz waren die Musikanten am Samstag mit Bussen und Extrazügen angereist. Der Tross bestand aus 500 Personen. Ausgerüstet mit einem dicken Papierbündel voller Informationen, hatten sie teilweise schon um fünf Uhr morgens ihr Zuhause verlassen. «Deponiere dein Alphorn in der Gepäckablage oder auf den zusätz­lichen Sitzen», stand in der 30-seitigen Dokumentation des Jodlerverbandes. Auch die Empfehlung, noch vor Ankunft in Mailand die Zugstoilette aufzusuchen, fehlte nicht. Und: «Geblasen wird nur an den beiden Grosskonzerten», also keine spontanen Einlagen in Mailand, hiess die Order. Damit niemand verloren ging, sollten sich die Musikanten beim «Kommando-Postauto» (mit Schweizer Fahne gekennzeichnet) registrieren lassen.

Echo durchwegs positiv

Pannen gab es keine, sagt Urs Holdener am Tag danach. Das Ziel sei erreicht worden, wenn auch nicht, wie kommuniziert, mit 420 Alphörnern, sondern «nur» mit knapp 400. Nicht nur die Alten – auch über Achtzigjährige nahmen an der Reise teil – seien auf der Heimreise müde gewesen. «Auch wir Jungen waren geschlaucht von den vielen Eindrücken und dem unvergesslichen Erlebnis.» Das Feedback war indes durchwegs erfreulich. Alles klappte wie am Schnürchen, und man habe am Samstag gleich zwei Weltrekorde aufgestellt – den avisierten und den, dass noch nie so viele Menschen auf der Piazza della Madonnina nicht auf den Dom, sondern auf Alphornbläser geschaut hätten.

(Tages-Anzeiger)

Von Carmen Roshard
Redaktorin Zürich

(Erstellt: 27.09.2015, 21:35 Uhr)