Aktuelles Fahnenschwingen

Wenn Heimat durch die Luft fliegt

Sebastian Büttner trainiert das Fahnenschwingen einmal pro Woche in Wildegg.

Sebastian Büttner aus Kölliken ist 20 Jahre alt, deutscher Herkunft und Fahnenschwinger.

Für Sebastian Büttner und seinen Duettpartner Hans Jörg Schneider galt es gestern kurz nach 11 Uhr ernst. Angesagt waren die Wettvorträge im Fahnenschwingen anlässlich des 30. Nordwestschweizerischen Jodlerfestes in Rothrist. Was die beiden über Monate geprobt haben, muss jetzt perfekt sitzen. «Der schlimmste Fehler, der passieren könnte, wäre die Fahne auf den Boden fallen zu lassen», sagt Sebastian Büttner im Vorfeld. Wie angewurzelt stehen er und Schneider nun in je einem auf dem Boden markierten Kreis im Stilhaus. Weder Füsse noch Körper dürfen beim Vortrag in Bewegung sein. Während die eine Hand in der Taille eingestützt ist, thront in der anderen die Schweizerfahne.

 

Und dann beginnt der Wettvortrag. Mit Argusaugen beobachten vier Jurymitglieder die Fahnenschwünge – machen sich Notizen. Immer wieder wirbelt die Fahne durch die Luft, mal schwingt sie nach rechts, mal nach links. Das Publikum – darunter auch Büttners Eltern und seine Tante, die aus Portugal angereist ist – schaut gespannt zu, hofft, dass die beiden die Fahnen beim Zuwerfen wieder rechtzeitig fangen können. Nach drei Minuten ist die Darbietung vorbei. Büttner und Schneider sind ausser Atem. Geduld ist nun gefragt. Die Note erhalten sie erst heute Sonntag. «Ich habe zwar etwas viele Fehlschritte gemacht, aber für das erste Mal ist es relativ gut gelaufen», sagt Sebastian Büttner im Anschluss sichtlich erleichtert. Die intensive Probezeit in den letzten Wochen habe sich gelohnt.

Jeweils am Donnerstagabend trifft er sich mit den Mitgliedern der Fahnenschwinger-Vereinigung der Nordwestschweiz in der Turnhalle Hellmatt in Wildegg. «Mich fasziniert, auf wie viele verschiedene Arten man eine Fahne schmeissen kann. Das ist nicht nur Kunst, es sieht auch wundervoll aus», betont Büttner. Dass er sich als 20-Jähriger und als Deutscher für das Schweizer Brauchtum einsetzt, ist für ihn selbstverständlich. «Es ist eine Kultur in der Schweiz – im Land, in dem ich geboren und aufgewachsen bin und lebe», sagt er ohne mit der Wimper zu zucken. Weder seine Herkunft noch sein Alter seien im Verband jemals ein Thema gewesen, sagt der Kölliker, der bereits vor acht Jahren mit Fahnenschwingen begonnen hat.

Vielseitig interessiert

In Dulliken, wo Sebastian Büttner als Einzelkind aufgewachsen ist, hat es ihm am Dorffest den Ärmel reingezogen. Und dort ist er auch auf seinen heutigen Duettpartner Hans Jörg Schneider aufmerksam geworden. Der 62-Jährige aus Dulliken hat Büttner begeistert und seither fahren die beiden regelmässig zusammen ins Training nach Wildegg. «Beim Fahnenschwingen ist Routine wichtig», sagt Sebastian Büttner, der derzeit die Fachmittelschule in Wohlen absolviert – mit dem Ziel, später als Physiotherapeut tätig zu sein. Das Fahnenschwingen sei für ihn ein Hobby, er habe sich keine speziellen Ziele für die Zukunft gesetzt.

Er ist vielseitig interessiert, spielt in seiner Freizeit auch noch Gitarre, Klavier und Basketball. «Das alles ist im Moment aber zweitrangig, das Fahnenschwingen hat Priorität», sagt er. Sein Umfeld begegne ihm als Fahnenschwinger immer wieder mit Respekt. «Es sieht zwar einfach aus, hat es aber in sich. Der Moment der Fahnenabgabe ist entscheidend dafür, wie hoch und schön die Fahne fliegt», erklärt er. Bei den sogenannten Hochschwüngen müsse die Fahne zwischen sechs und siebeneinhalb Meter in die Luft fliegen. Dass es dabei auch zu Muskelkater kommen kann, liegt auf der Hand. Die 1,20 Meter auf 1,20 Meter grosse Fahne wiegt bis zu 800 Gramm. Büttner erklärt, dass bei einer Darbietung auch stets beide Hände eingesetzt werden müssen. Verletzt habe er sich glücklicherweise noch nie.

Insgesamt gibt es in der Schweiz 96 verschiedene Fahnenschwünge. Für die Darbietung am Jodlerfest in Rothrist konnten Sebastian Büttner und Hans Jörg Schneider selber bestimmen, welche sie zeigen werden. In den vergangenen Monaten hätten sie den einen oder anderen Schwung ausgetauscht. «Der Wechsel und die Abläufe klappen noch nicht so gut», waren sich die beiden noch 14 Tage vor dem Jodlerfest in Rothrist einig.

Premiere an einem Grossanlass

Seither haben der Kölliker und der Dulliker an ihrer Darbietung vieles optimiert, manches Zusatztraining wurde abgehalten. Ihr Ziel ist vor allem, nicht Klasse 3, also die schlechteste Bewertung, zu erhalten. Sebastian Büttner betonte anlässlich eines Trainings: «Mir ist es wichtig, dass ich mit Hans Jörg Schneider einen guten Duettvortrag zeigen kann». Da er erstmals an einem solchen Grossanlass teilnimmt, ist er auch auf das Feedback von professioneller Seite gespannt. Er verrät: «Ich habe sowohl das Jodeln als auch das Alphornblasen bereits ausgetestet, das ist aber beides nicht meines. Das Fahnenschwingen hingegen gehört zu mir.»